Silvester
Katharina Immekus
19.03.–15.05.21
Deutsch
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Die kargen Bäume wirken wie ein Wahrnehmungsfilter. Dahinter breiten sich Häuser aus. Sie sind zu erkennen, weil es Winter ist und die Birken keine Blätter tragen. Kleingartenbungalows oder Pavillons, Vorgartenmäuerchen und Parkplatzpoller, auch Neubauten in stadthistorischem Gefüge. Laternen, Zäune, Wellblechdächer. Die realistische Darstellung in den Linolschnitten von Katharina Immekus rückt zunächst die detailliert ausgearbeiteten Objekte in den Fokus. Von Belang ist aber vor allem ihr Verhältnis, die jeweilige Lage: zwischen zwei Sphären, in einem Transitraum, in dem eine Übersetzung stattfinden muss.

Die Bilder selbst lehnen die Vermittlung ab, es ist nicht ihr vordergründiges Interesse. Dieses gilt vielmehr dem Raum, in dem sich dieser Prozess vollzieht. Es handelt sich nicht um spektakuläre Transformationslandschaften, ruinenhafte Monumente des Zerfalls oder gewaltvolles Einbrechen des Menschen in vermeintliche Naturidyllen wie in den Aufbaubildern des Sozialistischen Realismus. Dagegen ist bei Katharina Immekus das unaufgeregte, alltägliche Inventar der Randgebiete zu durchstreifen; temporäre Architekturen, Kleingartenpisten, wüst verschnittene Gebüsche. Schon die zahlreich dargestellten Zäune geben Nachricht von der Beschaffenheit dieser Übergänge, die auch historische Übergänge sind; entlang von Bretterzäunen über Maschendraht zu zeitgenössischem Baustellengitter. Sie sind ein Hinweis darauf, dass die Zeitstrukturen in diesen Grenzzonen anders verlaufen. Es gibt ein räumliches Davor und Dahinter, wie an Silvester ein zeitliches Davor und Danach. Die zeitaufwendigen, handwerklich intensiven Linolschnitte dehnen den schnappschussartigen Augenblick der Sonntagsruhe ins Extreme: Der Ausstellungstitel „Silvester“ bezeichnet den Tag, an dem die Künstlerin stundenlang den Himmel auf den gleichnamigen Linolschnitt übertrug.

Denn Grenzen werden nicht immer so eindeutig gezogen wie bei einem Zaun. Ähnlich unüberwindlich ist eine Hecke. Indem sie vorgibt, Natur zu sein, lenkt sie von der Grenzziehung ab, verwischt die Grenze schon. Und wenn wie auf dem Bild „Silvester“ die Plattenbausiedlung und das Fachwerkdorf fast ineinanderwachsen, scheint sie räumlich aufgelöst. Doch natürlich ist der Bruch ganz deutlich sichtbar: zwischen Alt und Neu, Baum und Beton, dem Einzelnen und den Vielen. Die Peripherien sind dabei keine Wildnis; Natur und Kultur keine Gegensätze, sondern in den Grenzregionen, in denen sich die Künstlerin bewegt, auf sich bezogen, einander zugehörig. Die Kleingartensparte wäre ohne die Stadt nicht vorstellbar, die Stadt nicht ohne den Verweis auf das, was sie nicht ist: ungezügelte Natur. An den Rändern werden Differenzen verhandelbar, Kompromisse gemacht, ein Auge zugedrückt und Unterschiede überhaupt erst festgestellt. Die Randzonen machen Arbeit, auch wenn sie Entspannung versprechen. Katharina Immekus schickt Postkarten von dort.

Marcel Raabe, 2021

The sparse trees act like a perception filter. Houses spread out behind them. They are visible because it is winter and the birch trees have no leaves. Kleingartenbungalows or pavilions, Vorgartenmäuerchen and parking bollards, also new buildings in a historical urban setting. Lanterns, fences, corrugated iron roofs. The realistic depiction in Katharina Immekus' linocuts initially focuses on detailed objects. But what is most important is their relationship, their respective position: between two spheres, in a transit area where a translation must take place.

The pictures themselves reject mediation; it is not their primary interest. Rather, it is the space in which this process takes place. It is not a matter of spectacular transformation landscapes, ruinous monuments of decay or violent human intrusion into supposed natural idylls, as in the reconstruction pictures of Socialist Realism. In Katharina Immekus' work, on the other hand, one can wander through the unagitated, everyday inventory of the marginal areas; temporary architectures, allotment plots, desolately cut bushes. Even the numerous fences depicted give an indication on the nature of these transitions, which are also historical transitions; along board fences over wire nettings, to contemporary construction grids. They are the indication that time structures in these border zones are different. There is a spatial before and behind, like a temporal before and after on New Year's Eve. The time-consuming, intensely crafted linocuts stretch the snapshot-like moment of Sunday rest to the extreme: the exhibition title "Silvester" refers to the day when the artist spent hours transferring the sky onto a linocut of the same name.

Yet boundaries are not always so clearly drawn as with a fence. A hedge can be similarly insurmountable. By pretending to be nature, it distracts from the demarcation, and even blurs the border. And when, as in the picture "Silvester", the prefabricated housing estate and the half-timbered village almost grow into each other, it seems spatially dissolved. But of course the break is clearly visible: between old and new, tree and concrete, the individual and the many. The peripheries are not wilderness; nature and culture are not opposites, but in the border regions in which the artist moves, they relate to each other, belong to each other. The allotment garden would be inconceivable without the city, as the city without a reference to what it is not: unbridled nature. It is at the margins that differences become negotiable, compromises are made, the eye turns blind and differences are established in the first place. The margins make work, even if they promise relaxation. Katharina Immekus sends postcards from there.

Marcel Raabe, 2021

Papier
Linolschnitt
80,5×103 cm, 10+1 AP, 2020
1800,- Euro
Silvester
Linolschnitt
96×134 cm, 5+1 AP, 2021
2600,- Euro
Abendrunde
Linolschnitt
50×64 cm, 10+1 AP, 2018
850,- Euro
Schule
Linolschnitt
84×64 cm, 10+1 AP, 2020
1400,- Euro
Versteck
Linolschnitt
38x48cm, 10+1 AP, 2021
800,- Euro
Häuser am Hang
Linolschnitt
100×140 cm, 10+1 AP, 2020
2800,- Euro
April
Linolschnitt
71×89 cm, 10+1 AP, 2021
1600,- Euro
Lampions
Linolschnitt
78×108 cm, 10+1 AP, 2020
1800,- Euro
Ote
Öl auf Leinwand
70×50 cm, 2019
3200,- Euro
Ocker
Öl auf Leinwand
70×50 cm, 2019
3200,- Euro
Schneeberg
Öl auf Leinwand
70×100 cm, 2019
4400,- Euro
Rahmen
Öl auf Leinwand
82×100 cm, 2019
4600,- Euro
Wochenende
Linolschnitt
40×50 cm, 2019
unverkäuflich
Am 17.4.21 erscheint zur Ausstellung ein Katalog mit Vorzugsausgabe.
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Katharina Immekus – Silvester


Alle Fotos von Gustav Franz

Text von Marcel Raabe

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