Die neue Arbeit von Caroline Hake inspiziert den öffentlichen Wohnraum westdeutscher Großstädte. Hohe Fassaden aus Flächen und Rastern, Ecklösungen, Treppen, umbauter Raum aus Beton, Pfützen auf versiegeltem Boden sind aus der Perspektive einer Flanierenden entstanden. Der sichtbare Verfall dieser Architektur verbindet sich mit dem Wissen um die Ideale und Neuerungen der sechziger und siebziger Jahre zu einem spröden Charme.

Mit der Zeit und einem sich verändernden urbanen Kontext gibt Architektur eine neue Dimension preis, sie trifft eine Aussage über sich selbst – was sie einmal sein wollte, und was sie tatsächlich repräsentiert, wie sie sich zu ihrer eigenen Geschichte und zur jeweiligen Gegenwart verhält, ob ihr Konzept in der Lage ist, sich den Zeitläufen anzupassen.

Abstracts ist ein Gegenentwurf zu Nostalgie, ein prüfender Blick auf die Beständigkeit teils utopischer Wohnideologien, auf das, was von der Substanz einer gerade noch greifbaren Epoche übrig geblieben ist. Eine Untersuchung von Objekten städtebaulicher Neuausrichtung auf ihre Gültigkeit nach vier Jahrzehnten hin, eine Befragung in ihrem Anspruch als Mitgestalter sozialen Lebens und einer enthierarchisierten Organisation von Raum. Aufgenommen sind die Fotografien aus dem Blickwinkel einer urbanen Realität, die diese Baukörper längst eingeholt und bis an den Rand der Wahrnehmung gedrängt hat.

Das abstrahierende Vorgehen Caroline Hakes – Auswahl von Strukturen, Details, Farbigkeiten und deren Bildkomposition – macht die Bauten als ästhetische Objekte wahrnehmbar und führt gleichzeitig ihren Verfall als Kulisse und Spur gegenwärtiger sozialer Realität vor. Der zwei- dimensionale Ausschnitt schafft zusätzliche Distanz: Abstracts hält als fotografische Meta-Perspektive weniger einen Moment fest, als dass ein Zeit-Raum zwischen den sechziger bis siebziger Jahren und ihrer Entstehung 2010 aufgespannt wird. In den Vordergrund tritt die Relativität des modernistischen Anspruchs dieser Architektur und damit ihre enge Beziehung zu zeitgebundener Ideologie, Dogmatik und Ästhetik. Durch die Rückführung auf die Ebene des Bildes wird Architektur für den Betrachter zu einem gleichzeitig materiell statischen, doch in seiner Bedeutung flexiblen Zeichen: Im Rückblick wird die Kluft zwischen Anspruch und Realität erst sichtbar.





Caroline Hake's new work inspects the public living space of large West German cities. Tall façades consisting of planes and grids, corner solutions, stairs, altered space out of cement, puddles on sealed land emerged from the point of view of someone taking a stroll. The visible decay of this architecture is combined with knowledge of the ideals and innovations of the 1960s and 1970s to become demurely charming.

Over time and with a changing urban context, architecture reveals a new dimension, makes a statement about itself – what it once wanted to be and what it actually represents, how it behaves with respect to its own history and to the respective world of today, whether its concept is in a position to align itself with courses of time.

Abstracts is an alternative plan to nostalgia, a scrutinizing look at the endurance of in part utopian ideologies of living, at what remains of the substance of a barely palpable epoch. An examination of objects that have been reoriented in terms of urban planning with respect to their validity after forty years, an inquiry into their claim to help shape social life and a dehierarchized organization of space. What were taken were photographs from the perspective of an urban reality that has long since caught up with these buildings and forced them to the edge of perception.

Caroline Hake's abstracting approach – choice of structures, details, chromacities, and their visual composition – allows the structures to be perceived as aesthetic objects and at the same time demonstrates their decline as backdrops and traces of contemporary social reality. The two-dimensional detail creates added distance: as a photographic meta- perspective, it is less the case that Abstracts captures a moment in time and more that a space of time is stretched between the 1960s and 1970s and the work's creation in 2010. Priority is given to the relativity of the modernist claim of this architecture and thus its close relationship with time-bound ideology, dogma, and aesthetics. By means of reducing it to the level of the image, for the viewer, architecture becomes a materially static yet at the same time flexible symbol in terms of its meaning: the gap between claim and reality only becomes visible in retrospect.





Bettina Reichmuth







Dr. Kai- Uwe Schierz
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Der Traum vom glückseligen Leben
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Caroline Hake zielt mit ihrem bisher entstandenen Werk ganz allgemein auf das Verhältnis des wünschenden und wollenden Menschen zu seinen Erfahrungen mit einer Wirklichkeit, die diesen Ansprüchen in den seltensten Fällen gerecht wird.

Damit bewegt sich die Künstlerin in einem traditionsreichen Strom geistiger Aneignung von Welt, denn das angesprochene Problemfeld, das wohl jeden denkenden und wollenden Menschen betrifft und deshalb als anthropologische Konstante gelten kann, bearbeitet der Mensch kontinuierlich nicht nur in seinen ästhetisch-künstlerischen Aspekten, sondern ebenso in den Sphären des Glaubens, der Philosophie und der Psychologie.

Der Traum vom glückseligen, guten, sinnerfüllten Leben ist so alt wie seine Kehrseite, die unerfüllte Wirklichkeit mit all ihren entfremdeten Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur. Vor allem deshalb wurden immer wieder Utopien entworfen, Paradiese im Jenseits oder in der Ferne, in exotisch-fremden Kulturen gesucht. Es war dieses Ungenügen an den eigenen Erfahrungen mit der Wirklichkeit, die den Menschen Werkzeuge und Maschinen konstruieren ließ, die das Leben leichter, besser und erfüllter machen sollen. Die Griechen des Hellenismus siedelten ihren Traum vom glücklichen, goldenen Zeitalter in der mythisch verklärten Landschaft Arkadien an, wo ein primitives Hirtenleben in idyllischer Natur für die Auflösung aller entfremdeten Verhältnisse garantierte. Der Dominikaner Tommaso Campanella verlegte zu Beginn des 17. Jahrhunderts das glückliche Leben in eine ?Cittá del sole" - und der Ökonom Karl Marx um die Mitte des 19. Jahrhunderts in eine zukünftige kommunistische Gesellschaft, während etwa zeitgleich Jules Vernes die Menschen in seinen populären Romanen zum Mond und an den Mittelpunkt der Erde reisen ließ.

Aus aller Erfahrungen wissen wir: Der Grundkonflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Schein, Illusion und Desillusionierung blieb stets bestehen. Erst recht trat und tritt er hervor in den modernen Gesellschaften mit ihren individuellen Wahl- und Risikobiografien, wo jeder seines Glückes Schmied zu sein hat, was vielen als Freiheit und Verlockung erscheinen mag, manchen auch als Bürde und Zumutung.

Die Industrien der massenmedialen Unterhaltung, der Freizeitgestaltung und der Werbung bezogen und beziehen aus dem unerfüllten Wünschen und Wollen der Menschen ihre Themen. Sie reagieren auf kollektive Wünsche nach sozialer Regression oder technischer Progression, nach stimulierenden Erlebnissen, Teilhabe an Macht und Wohlstand wie auch nach persönlicher Bedeutsamkeit mit beliebten Formaten wie Freizeitparks, Wellness-Oasen, Ereignis-Museen, Event- und Talkshows, Reality-TV, Daily Soaps etc. Alle diese Angebote vereint ihr stereotyper, künstlicher Charakter, ihre Verheißungs- und zugleich auch Surrogat-Funktion. Was der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno ab 1948 unter dem Begriff ?Kulturindustrie" fasste und als marktorientierte kulturelle Produktion, sprich: ?willentliche Integration ihrer Abnehmer von oben" näher charakterisierte, erfährt heute, unter den Bedingungen der computergestützten Massenmedien und der Globalisierung, eine ungeahnt vielfältige und ökonomisch perfektionierte Präsenz in der Gesellschaft. Der Grundtenor all dieser Angebote lautet: Wunscherfüllung ist machbar - in unterschiedlichen Abstufungen und zu unterschiedlichen Preisen.

Caroline Hake zeigt in ihren fotografischen Serien die durchrationalisierten Schauplätze der populären Freizeit- und Unterhaltungsformate. Sie beobachtet in der perfekt ausgeleuchteten Inszenierung von Fernsehstudios, Museen und Events die schnell-oberflächliche Machart, die Kulisse mitten im schönen Schein.


Prof. Dr. Kai- Uwe Schierz, Leiter der Kunsthalle Erfurt
Auszug aus der Eröffnungsrede zu SOLL UND HABEN in der Kunsthalle Erfurt, 2007


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