Ronny Szillo TEXTE
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Ronny Szillo
Interview Michael Grzesiak, 2010

G: Eine Deiner meist beachteten Arbeiten ist sicher die Serie von Gewächshäusern, die Du aus industriell vorgefertigten PC-Gehäuseteilen gesampelt hast: ein transparentes, neonleuchtendes Case, das mit einer Kunststoffpflanze bestückt ist. S: Die Arbeit nimmt Bezug auf die in meiner Jugend häufig lila beleuchteten Fenster, in denen Zimmerpflanzen nach aussen sichtbar das kleine Paradies im Betonbunker symbolisierten. Das Case ist nicht irgendein Gehäuse, sondern Zockerhardware. Das ist so eine Art Schrankwand der Szene, da kann man die Hardware, die drinnen ist, durchsehen, Hersteller der Grafikkarte und so. So wie die Leute mit Ihren Pflanzenfenstern nicht reisen konnten, so kommen die Leute, die so ein Case zu Hause stehen haben heute auch nicht raus. Da muss man zu Hause schauen, was geht.

G: Deine Arbeit hat ja was mit Licht zu tun, Dein Statement zur Abschaffung der Glühbirne? Und welche Relevanz besitzen die verschiedenen anderen Leuchtmittel, allen voran die LED und Neonröhren in deiner Arbeit? S: Die Glühbirne ist tot...es lebe die Glühbirne! Das erste elektrische Licht wollte Sonne nachempfinden, punktförmig. Ich bin mehr für Neon, die Ästhetik. Neon ist der Inbergriff der Farbe. das ist ehrlich künstliches, farbiges Licht, oft flächig eingesetzt. Die Geschichte des Neons ist eng mit der Werbung verbunden, und später dann in der Kunst eingesetzt worden. Neon ist Aufmerksamkeitsträger, das interessiert mich, die Signalwirkung. Tiefseefische verständigen sich über farbiges Licht. (Wir waren ja auch mal Fische). Das ist noch in uns drin, dass wir auf Rot reagieren, nicht erst seit es die Ampel gibt. Punktförmiges Licht schafft klare Schatten, Abbilder, flächiges Licht schafft diffuse Schatten, mich interessieren die Übergänge, zwischen Dunkelheit und Licht, der Fade sozusagen, das Dazwischen.

G: NEON und LED gehören zu den Grundbausteinen Deiner Arbeiten, das sind sparsame Verbraucher, aber sie brauchen trotzdem Strom. Ist es die Energiefrage, oder besser ist Energie das eigentliches Thema deiner Arbeit? S: Ich denke das man das nicht so beantworten kann. Ich mache keine Stromsparkunst, sondern thematisiere den Status Quo. Ich arbeite vergleichbar zur Industrie, wenn es was neues Massentaugliches auf dem Markt in punkto Licht gibt, bin ich der erste der das einsetzen möchte. Ich bin dafür das Energie frei wird. Vernunft und Sparsamkeit sind keine Lösung. Ich bin kein Öko, aber mich interessieren natürlich die selben Fragen, die wohl ein Grossteil der Menschen interessiert, allen voran die Frage wie es wäre, wenn es neben freiem Netzzugang, genug Wasser und Essen, auch eine freie und autonome Energieversorgung gäbe. Ich würde mir auf jeden Fall als erstes einen fetten Plasmafernseher mit acht Meter Diagonale holen, der 80000 Watt verbraucht. Das Energieproblem muss anders gelöst werden. Vielleicht werde ich dazu mal was arbeiten.





Ronny Szillo
FIRST CONTACT, 2008
Text: Enrico Meyer

Wie kann die Rakete aus der Zukunft stammen, wenn doch die Materialanalyse ergeben hat, dass die Zusammensetzung der Konstruktionsteile, die Verarbeitung und die stilistischen Elemente aus den letzten dreißig Jahren stammen? Haben sie die Gegenwart überflogen, oder wie soll ich mir das vorstellen? Oder lässt einzig der Ort des Einschlags diese Zeiteninterferenz zu?

Entweder war es eine Bruch- oder zumindest eine Notlandung, oder es ist der übliche Flugstil des Piloten, der sich über einen eventuellen Weiterflug keine Gedanken macht. Fest steht, dass es sich hier um ein Grounding eines Flugkörpers, wie es sich ein Ingenieur unserer Zeit vorstellt, nicht handeln kann.

Der Pilot scheint unversehrt zu sein. Er ist ausgestiegen, hat ausgepackt. Er hat sich in der sicherlich ungewohnten Umgebung eingerichtet. Er hat eine Station mit Kommunikationsgeräten, diplomatischen Repräsentationselementen, Instrumenten und Gastgeschenken errichtet und wartet nun auf den ersten Kontakt.

Es war möglich, in Erfahrung zu bringen, dass es in der Heimat des Gelandeten einen schmalen Zeitkorridor gegeben hat. Etwas gänzlich Neues, etwas, was wir Utopie nennen, hätte entstehen können. Für uns zukünftig, für den Piloten vergangen. Dass hier alles Neon statt Neo ist, lässt darauf schließen, dass die Chance wohl verpasst wurde.

Die Gastgeschenke sind alle "gepimpt", der Schwerpunkt liegt auf der Veredelung der Oberfläche und dem Repräsentationspotenzial des bloßen Scheins. Im Gegensatz zum "Tunen" verzichtet man dabei auf eine Verbesserung der vorproduzierten inneren Zustände und stürzt sich stattdessen auf neue, funkelnde Hüllen. Glanz, Schein und Neon überholen Wert, Qualität und den eigentlichen Zeitbedarf von Utopie.

Trotzdem lässt sich kein Trübsinn oder eine depressive Flucht des Neuankömmlings erkennen. Der Pilot bringt eine unerschütterliche Unbeschwertheit und eine fröhliche Leicht-sinnigkeit zur Absturzstelle mit. All die Verwerfungen, Brüche, Zergliederungen und Einschnitte seiner Reise kombiniert er hier und verschiebt sie für uns in der uns bekannten Zeiteneinteilung.

Wie verwirrend das sein kann, zeigt sich in unserer Vorstellung der Ästhetik der Zukunft. Zum heutigen Zeitpunkt sieht die Zukunft wohl eher aus wie ein nanoskopkleines eiförmiges iPhone und nicht wie diese blinkenden und flackernden Neonflametribals. Der Pilot stammt eben nicht nur aus der Zukunft, sondern auch aus seinem ganz eigenen Universum. Die Zukunft ist eben auch nicht mehr das, was sie einmal war - seine Zukunft schon.

Enrico Meyer



How can the rocket be futuristic if material analysis showed that the composition of the construction pieces, the processing and the stylistic elements originated sometime in the past 30 years? Did they skip presence or how am I supposed to imagine this? Or does the place of impact tolerate this time-interference?

Either it was a crash- or an emergency landing at least or it is the regular flying style of the pilot who does not spend time thinking about the continuation of the flight. It is certain though, that in this case it is not about a grounding of a flying object, as a present engineer would picture it.

The pilot seems to be safe. He got off and unpacked. He adapted himself to the rather unfamiliar surroundings. He built a base with communication apparatuses, diplomatic representational elements, instruments and gifts for inhabitants and is now awaiting first contact.

It was possible to find out that there existed a small time-passage in the homeland of the pilot. Something completely new, something we call utopia could have arised. Future to us, past to the pilot. However, the fact that everything here is neon instead of neo implies that the chance is probably missed.

The gifts are all "pimped", the emphasis lies on upgrading the surface and the representational potential of the pure appearance. Contrary to "tuning", you abdicate on perfecting the pre-manufactured inner conditions, instead you lunge in new, sparkling cases. Glamour, appearance and neon outweigh values, quality and the actual need of utopian time.

Nevertheless there is no visible gloom or depressive escape of the new arrival. The pilot brings along an unflappable light-heartedness and a happy recklessness to the crash site. Here he combines all the distortions, breaks, dissections and cuts of his journey and for us he is shifting them into a well-known timing.

How confusing this can be is reflected in our aesthetic concept of the future. Today, the future probably looks like a nanoscopic ovale iPhone and not like these blinking and glinting neon-flame-tribal designs. The pilot not only originates from future, but from his very own universe. Future is just simply not what it used to be - his future is though.





Ronny Szillos Arbeiten sind hybride Kreuzungen aus Wertesystemen und Zeitphänomenen populärer Gegenwartskulturen. Er lässt die Weltanschauungen und Erscheinungsformen verschiedener Szenen gegeneinander laufen indem er ihre Statussymbole und Archetypen miteinander kreuzt. In seiner Arbeit METEOR 94 transformiert (»pimpt«) er eine begehrte Wohnzimmerschrankwand aus den 90er Jahren mit Autotuning-Zubehör wie auf dem Musiksender MTV mit schrottigen Autos verfahren wird. 1978 in Karl-Marx-Stadt geboren, erlebt er das Verschwinden des realen Sozialismus und den Übergang zu Kapitalismus und Globalisierung, die ihn mit Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und Authentizität konfrontieren.

Eine besondere Vorliebe hat der Medienkünstler und VJ für das Medium Licht, im speziellen für Neonlicht. Mit Guillaume Krick entwickelt er die Farbe NEONBRAUN, mit den gegensätzlichen Eigenschaften einer gedämpften Farbe und des schrillen Leuchtens unter Lichteinstrahlung. Szillo erzeugt Bedeutung durch die Reibung der immanenten Widersprüche seiner Arbeiten und spielt dabei gezielt mit deren Gegensätzlichkeiten. In seiner Arbeit PONG, YES VS. NO, manipuliert er das erste und wohl bekannteste Telespiel Pong: Mittels eines Controllerhelms spielt man gegen sich selbst: Kopfnicken gegen Kopfschütteln.




Ronny Szillos works are hybrid crossings of value systems and time phenomenon of mainstream contemporary cultures. He crosses ideology and outward forms of different scenes by mixing status symbols and archetypes. In his work METEOR 94 he transformed ("pimped") a walk-in living-room wall unit from the 90's with car tuning accessories like on MTV with junk cars. Born in Karl-Marx-Stadt in 1978, he experienced the disappearance of the real socialism and the transition to capitalism and globalization, which confronted him with questions of belonging, identity and authenticity.

The media artist and VJ have a special affectation for the medium light, specifically neon. With Guillaume Krick he developed the colour NEONBRAUN (neon brown), with the contrasting features of a curbed colour and the flashy radiance under lightning blazes. Szillo creates meaning with the abrasion of the immanent contradictions of his work and he is specifically playing with their contrarieties. In his work PONG, YES VS. NO he manipulates the first and probably best known (telespiel) Pong: By using a controller helmet you play against yourself: nodding against head-shaking.


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