Benjamin Dittrich

“This is a present from a small distant world, a token of our sounds, our science, our images, our music, our thoughts and our feelings. We are attempting to survive our time so we may live into yours.”

                                 Botschaft auf der Voyager Golden Record, 1977

INTERSTELLARE ARCHÄOLOGEN

Botschaften vom Ereignishorizont des Wissens

Der erste Eindruck sei entscheidend, heißt es. Im Falle außerirdischer Wesen, die eines Tages von der Existenz der Menschheit erführen, könnte er von Goldenen Schallplatten ausgehen: 1977 sandte die NASA an Bord der Raumsonden Voyager 1 und 2 goldglänzende, kreisrunde und mit Audio- und Bildinformationen beschriebene Datenträger ins All, damit sie einst Zeugnis von unserer Spezies ablägen. Von unserem Planeten, unserer Kultur, unserer Sprache, unseren Lebenswelten und unserer Wissenschaft. Nicht indes von unseren Kriegen und Verbrechen, von unseren Ideologien und Selbst- zerstörungen. Ein verzerrtes Idealbild.

Der erste Eindruck zählt — als Mörder und Ausbeuter wollen wir nicht gelten. Vielmehr als Kulturwesen und Wissenswesen, selbstreflektiert, empathisch und aufgeklärt. Als Entdecker und Forscher. Bereits fünf Jahre vor der Voyager schickten die Wissenschaftler um Carl Sagan an Bord der Pioneer-Sonden Plaketten auf die endlose Reise. Die darin eingravierte Botschaft zeigte neben einer seinerzeit umstrittenen Darstellung von Mann und Frau insbesondere naturwissenschaftliche Symbolik: die relative Position der Sonne zum Milchstraßenzentrum, ein Schema unseres Sonnensystems, die Hyperfeinstruktur des Wasserstoffatoms. Universelles Wissen für das Universum.

Weiter als die Voyager- und Pioneer-Sonden drang kein Gegenstand menschlicher Schöpfung je vor; über 20 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt, durchquert die Voyager 1 inzwischen den interstellaren Raum — die unendlichen Weiten, wie es uns die Popkultur auszudrücken lehrte. Trotz jahrzehntelanger Ambitionen der Populärwissenschaft und Science Fiction, den westlichen Menschen an die Unendlichkeit heranzuführen, bleiben die Dimensionen kaum fassbar: Bevor ihr Haltbarkeitsdatum abläuft, passiert die Sonde noch 500 Millionen Jahre lang die gigantische Leere zwischen planetarischen Nebeln und Dunkelwolken, zwischen interstellarem Staub und Supernovaüberresten. In 38.000 Jahren nähert sie sich im Abstand von 1,7 Lichtjahren erstmals einem Stern, genannt AC+793888, gelegen im Sternbild Kleiner Bär.

Eine Vorstellung, so unwahrscheinlich wie reizend: Die Sonde würde einst gefunden und aufgelesen von extraterrestrischen Wesen, ihrerseits aufgebrochen möglicherweise von ihrem Heimatplaneten im Lokalen Superhaufen, der mit seinem Durchmesser von 200 Millionen Lichtjahren 2.000 Galaxien wie die unsere beherbergt. Aufgebrochen, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Die menschliche existierte zu jenem Zeitpunkt wohl nicht mehr. Sie dennoch kennenzulernen, hieße, sich ihr Wesen über Relikte zu erschließen, gleichsam als interstellarer Archäologe. Der erste Eindruck vom Menschen: Ein Symbolwesen, ein Forscherwesen.

Doch wie universell ist die symbolische Darstellung eines Atoms? Wie galaxienübergreifend das Verständnis mathematischer, physikalischer, chemischer Zeichen und Schemata? Eines Kreises, einer Wellenlänge, gar einer Umlaufbahn oder eines Planeten? Wie fragil ist unser über Jahrtausende angehäuftes Wissen angesichts der Unendlichkeit des Kosmos? Wie anthropozentrisch unsere Naturwissenschaft, ganz zu schweigen von der Struktur unserer Sprache? Werden unsere unbewussten und intendierten Überlieferungen als Botschaften verstanden? Drücken sich Psychologie, Geschichte, Vernunft und der Mangel daran in bruchstückhaften Überbleibseln aus? 

Was der Mensch in seiner Bearbeitung der Welt an Erfahrung sich aneignete, was er sich als Wissen mühsam erschloss und herstellte, was er schließlich kategorisierte und katalogisierte, in Enzyklopädien und Lexika als Kanon zwischen Buchdeckel presste; was er gegen den selbstgeschaffenen Mythos und die Religionen verteidigen musste und zugleich zur Vorbereitung von Barbarei, Vernichtung und Zerstörung nutzte; was sich in Emanzipation und Gegenaufklärung gleichermaßen ausdrückte, sich schließlich in Expertenwissen partikularisierte, um letztlich dekonstruiert und abermals hinterfragt zu werden: Was, wenn auch diese Dekadenz des Wissens sich restlos auflöste? Zum rein symbolischen Schwirren im Raum geriete, zur sinnlosen Variation von Aussagen, zum gänzlich ästhetischen Baukasten aus Formen?

Jene humane Angst vor dem Zerfall, die immer existierte, bleibt dem neugierigen Betrachter von außen erspart. Fürchtete das menschliche selbsternannte Universalgenie die Vereinzelung der Wissenskulturen, ängstigte die Naturwissenschaftler die immer drohende Widerlegung ihrer Thesen und die Kanonbündler die freie Aneignung, Zugänglichkeit und Produktion des Weltwissens, stieße der Bewohner des Lokalen Superhaufens, der menschlichen Sprachen und Schriftkultur nicht mächtig, auf ein schier unendliches Konglomerat an Zeichen und Symbolen, Diagrammen und Schemata, Bildern und Skizzen. Die für die menschliche Kultur nach der Aufklärung erst seit wenigen Jahrhunderten essenzielle Trennung und Ordnung der Diskurse in Kunst und Wissenschaft wäre ihm fremd und gleichgültig. Entsprechende Wahrnehmungsgabe und Stofflichkeit vorausgesetzt: Das bildhafte Material der Menschheit gälte ihm als unbekannter Spielplatz, auf dem er sich austoben könnte, um die symbolhaften Ingredienzien humanen Wissens neu zusammenzufügen.

Was, wenn der mühevoll erschlossene, ausgearbeitete, überarbeitete, diskutierte, verworfene, immer wieder neu aufgefächerte und bisweilen auch tödliche Wissenskosmos der Menschen im Blick des Lokalen-Superhaufen-Einwohners seine Sinnhaftigkeit verlöre? Ohne Schrift und Sprache erschlössen sich Bedeutungen, der Wahrnehmung eines Kindes gleich, immer wieder neu. Die sich bietenden Weltartefakte würden wieder und wieder kombiniert; einem auseinandergenommenen Uhrwerk ähnelnd, das anders zusammengebaut lediglich ein Uhrwerk zu sein scheint, aber keines ist: In der Nachahmung liegt der Versuch, sich eine fremde Welt zu erschließen. Träte dann das Wesen menschlicher Kultur und Wissenschaft in seiner Dialektik, seinen Ambivalenzen und Kontingenzen gleichsam von selbst zutage? Wie inhärent wäre den Zeugnissen menschlichen Forschens, Schöpfens und Wirtschaftens die Anfälligkeit für regressive Mythen, verdinglichtes Denken und ideologische Gesellschaftsformen?

Wo der Mensch die Welt einst zu entzaubern gedachte, würde sie durch die Neuanordnung seiner Relikte wieder verzaubert. In Benjamin Dittrichs Ausstellung „Lokaler Superhaufen“ findet sich jener aufgeklärte Zauber wieder, der dem Blick des außerirdischen Anthropologen wohl nahekäme. In einem Nichtbegreifen und Nichtzufassenkriegen offenbart sich ein spielerischer Umgang mit den Splittern der (Natur-)Wissenschaften, ein ironisches Aneignen ihrer Logik und ihres Ethos. Einst dazu angetreten, unsere Existenz und Endlichkeit zu fassen zu bekommen, entpuppten sie sich zugleich in ihrer Vereinzelung als ebenso nützlicher wie latent bedrohlicher Kult. Was passiert am Ereignishorizont, an den sich auflösenden Rändern dieses auf Rationalität und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit basierenden Wissens mit dessen Symbolen? Was geschieht dort, wo durch Verschieben der alten Zeichen umfassender Gelehrtheit neue Bedeutung generiert wird; wo abseits jeder Gottesfurcht und Wissenschaftsgläubigkeit, abseits von Herrschaftswissen und ökonomischer Nutzbarmachung die Faszination für das Unendliche sich Bahn bricht?

Schließlich wieder: Was geschähe nach dem Ende der menschlichen Existenz, wenn der erste Eindruck der Goldenen Platten der Voyagers und Pioneers fremden Wesen den Weg zur menschenverlassenen Erde wiese; was geschähe mit unseren Symbolen und Sprachen, unseren Büchern und Bibliotheken, unseren Wissenssammlungen und Weltenzyklopädien? Vielleicht, so stellt es sich der humanistisch geprägte Mensch vor, würden sie als Kunst-Relikte bewundert und gedeutet werden, von rätselnden Zuschauern irgendwo inmitten des Lokalen Superhaufens.

Maximilian Haase

english

INTERSTELLAR ARCHEOLOGISTS

Messages from the event horizon of knowledge

People say that rst impressions really matter. In the case of intelligent, extraterrestrial entities capable of abstract thought, that may potentially learn about human civilization, that first impression might originate from a golden record. In 1977 NASA sent shining, gold, circular volumes of auditory and visual data into space with the space probes Voyager 1 and 2, as a testament to our species: our planet, our culture, our language, our environment, and our scientific achievements — but tactfully omitting our wars, transgressions, crimes, ideologies and self-destructive tendencies. An idealized, distorted image.

First impressions matter - we do not want to be deemed homicidal and exploitative. Quite the contrary: we aim to be portrayed as beings of cultural and scientific prowess; self-aware, empathetic and enlightened; as explorers and discoverers. Five years before the launch of Voyager, scientists — among them Carl Sagan — sent the Pioneer space probe on its endless journey with plaques on board. Aside from a controversial depiction of a man and woman, the engraved message focused especially on symbolic representation of natural scientific findings: the position of the sun relative to the center of the Milky Way, a schematic depiction of our solar system, the hyperfine structure of the hydrogen atom. Universal knowledge for the universe.

No man-made object has ever ventured further than the Pioneer and Voyager space probes. Over 20 billion kilometers from the sun, Voyager now travels through interstellar space, through the final frontier, as pop culture would have it. And even though popular science and sciencefiction have been committed and ambitious in trying to acquaint mankind with the notion of infinity, numbers and dimensions still defy the imagination: before its expiration date, the space probe will oat through the gigantic void that is the universe, through planetary and dark nebulas, interstellar dust, and the remnants of supernovas for 500 million years. In 38,000 years it will approach another star for the first time, at a distance of 1.7 light years: AC+793888, located in the constellation Ursa Minor.

It is an idea as tantalizing as it is unlikely: the space probe one day being found by extraterrestrial life forms, possibly having embarked from their home planet in the local supercluster, which encompasses within its 200 million light year radius 2,000 galaxies just like ours. Embarking on a quest to explore new galaxies, new life forms and civilizations. At this point in time, mankind has likely ceased to exist.
To acquaint oneself with the essence of mankind could mean to contemplate it through its relics, as an interstellar archeologist. The first impression of man: a life form of symbols and formulas.

But how universal is a symbolic depiction of an atom? How accessible are the schematic depictions and signi ers of human mathematics, physics and chemistry — a circle, wavelengths, an orbit, a planet — if the contextual distance is as far as a galaxy? How fragile is knowledge, acquired over thousands of years, in relation to the infinity of the cosmos? How anthropocentric is science, not to mention the semantics and semiotics of our language? Are history, psychology, reason — and the lack of it — adequately expressed through our fragmented remnants?

The experience man gathered as he shaped and explored the world, the knowledge arduously acquired and produced; that he categorized and catalogued; squeezed between book covers into lexicons, anthologies and encyclopedias; that he protected and defended from self-created myths and religion; and used in preparation and justification of savagery, annihilation and destruction; that was expressed in movements of both emancipation and counter-enlightenment; that he condensed and compartmentalized into areas of expertise, and finally deconstructed and thus questioned and challenged all over again — what if this decadence of knowledge vanished completely? What if it became a flickering, whirring buzz of symbols in space, a variation of statements devoid of meaning, a toolbox of shapes and forms only serving the aesthetic?

This fundamental, ever-present human fear of decay and decline does not concern the curious outside observer. And as the self-declared, human polymath dreads the fragmentation of the branches of cultural and scientific discovery; as scientists fear the ever-impending refutation of their theses, and advocates of canonization fear the free appropriation, accessibility and production of empirical knowledge; the resident of the local supercluster — unversed in the human cultures of writing and language — would encounter an almost infinite aggregation of signs, symbols, diagrams, schematic depictions, images and sketches. The division of the discourses of art and science that is so characteristic and essential to human culture — a concept not older than the centuries that passed since the enlightenment — might appear strange and negligible to him. Presupposing the physical and sensory ability to do so, the visual depiction of mankind may present itself as a playground, a place to frolic and playfully recombine the symbolic ingredients of human knowledge.

What if the cosmos of human knowledge — hard-earned, elaborated, revised, discussed, discarded, compartmentalized and re-compartmentalized, sometimes fatal — from the viewpoint of the resident of the local supercluster — lost all meaning? Without the subtitles of language and script, interpretations of meaning — much like the perception of a child — may vary wildly upon each viewing. The remnants and artifacts of our civilization would be recombined, similar to the gears of a clock, assembled in a different order: seemingly a clock, but not a clock at the same time. Imitation is an endeavor to gain insight into an alien world. If so, would the very essence of human cultural and scientific achievement, its dialectics, ambivalences and contingencies, rise to the surface and reveal itself? Is the susceptibility to regressive mythology, reificatory thought and ideologically determined forms of society inherent and palpable in the artifacts of human discovery, creation, production and distribution?

And while mankind strove to demystify the world, a rearrangement of these relics would restore that mystery. In Benjamin Dittrich’s exhibition “Lokaler Superhaufen” (“local supercluster”), that curious, enlightened grasp on our mysterious remnants, that may characterize the viewpoint of an extraterrestrial anthropologist, is arguably similar to the viewers’ perspective. The inconceivable, non-palpable properties of our world resurface through a playful processing of a shattered symbolism of science; and through an ironic appropriation of its logic and ethos that once strove to zero in on the meaning of our existence and inevitable transience, and who exposed themselves as cults — useful as well as potentially dangerous — through fragmentation. What will happen on the dissolving edges of a knowledge resting on a foundation of rationalism and intersubjective comprehensibility; what will happen on the event horizon of science and its symbols? What happens if, through re-layering of common knowledge — once a sign of allencom- passing learnedness, new meaning is generated in a realm where religious and scientific piety, where knowledge for the sake of control and economic paradigms of utilization are sidelined for a fascination and celebration of the infinite?

And finally: What would happen, if after our civilization ceased to exist, the golden record carried by Voyager and Pioneer guided alien life forms to our empty, forsaken planet — what would they make of our symbols and languages, our books and libraries, our anthologies and encyclopedias? Maybe — as man may envision from the vantage point of humanism — they would be admired and pondered as artifacts, by curious viewers somewhere in the center of the local supercluster.

Maximilian Haase (translation: Lukas Holldorf & Kathleen M. Krol)

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