Bea Meyer

Das Eine ist die Funktion des Anderen

(Überlegungen zu Arbeiten von Bea Meyer)

Vermittelung. Eine der Zentralkategorien der klassischen deutschen Philosophie. Also eine Mitte herstellen, einen Ausgleich schaffen. Oder ist es jene Mitte, die das Außen erzeugt. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Zunächst eine abstrakte Denkbewegung. Aus der polaren Spannung heraus entsteht die Bewegung. Das Dritte. Im Dritten aufgehoben das Eine und das Andere.

Die erste Frage war: Was bringt jemanden dazu, Formel 1 Rennstrecken zu stricken. Zweitens: Stillprotokolle. Sie schienen mir irgendwie naheliegender.

Und: Wie geht man beim Stillen mit dem Ton um? Wie wirkt ein Rennen ohne Kommentar. Eine Kamera auf der Front des Boliden? Oder: Zusammenschreckender Säugling bei Durchfahrt auf der Start- und Zielgeraden? Verweigerung der Nahrungsaufnahme in den Werbepausen?

Die Welt ist voller stillgestellter Bewegungen, zu Oberflächenstrukturen gefrorene Aktion, Dinge, die ihre Schönheit aus dem Verlust der funktionalen Bedingungen ihres Zustandekommens ziehen. Der Reiz des nicht Vollzogenen, besser: des nicht sich Vollziehenden. Standbilder. Stills.

Die Stricknadel beiseite legen, das Gewebe (Gestrick, da hier ja nicht gewebt wurde) auftrennen, um Zeit zu gewinnen, das Gewand nicht beenden, bevor ....
In der Türe die Freier. Die Bewegung selbst ist hier, in Homers Erzählung das Stillgestelte. Zeit ist Wartezeit, die erzeugt wird durch die Bewegung eines Anderen, durch die irren Verwirrungen des Odysseus, dessen Reise zu nichts führt, jedenfalls nicht zum Ziel.
Solange die Arbeit anhält, passiert schlechthin nichts. Bis die Freier nervös werden. Aufklärung verlangen über die Dauer der Tätigkeit. Doch da ist Odysseus eben zurück. Seine letzte Arbeit der Heimkehr: die Freier erschlagen, die die Zeit in sein Haus gespult hat.

Also unterscheiden wir Tätigkeiten, die uns, da sie in der Ausführung den ganzen Körper beanspruchen oder wenigstens binden, Zeit kosten; und solche, die uns, weil sie nur einzelne Bereiche des Menschen in Beschlag nehmen, in anderer Beziehung Zeit schenken.

Der Komponist Györg Ligeti spricht über die Abstände der Strom- und Telegraphenmasten, wie man sie aus einem fahrenden Zug wahrnimmt. Zeitraster, je nach Schnelligkeit des Zuges ein anderes, aber auch abhängig vom Abstand der Masten und vom Winkel der Gleise zur Leitung. (relativer Abstand, Verzerrung).Rhythmus. Musik.

Nachts. Auf der Seite liegend. Im Dunkel gelassen. Warum sollte man das Kind in ein anderes Bett bringen und aller zwei Stunden aufstehen, um es zu holen? Wir haben eine andere Boxenstoppstrategie als unsere Mütter. Dennoch schlafe ich schlecht, höre auf jedes Geräusch das vom Kind kommt, oder von der Frau.
Wie mochte es Schuhmacher gegangen sein, wenn er einmal zu Hause war, im Steuerparadies mit Frau und Kind.
Manchmal bin ich ins Wohnzimmer schlafen gegangen. Wem hätte es auch genützt, wenn wir beide, meine Frau und ich, am nächsten Morgen vollkommen übermüdet gewesen wären.

Zeit ist Bewegung, Bewegung ist Zeit. Das Verrückte mithin Bedrohliche an der Zeit ist ihre Unwiederholbarkeit, ihr gnadenloses Vergehen. Zeit ist. Zeit entsteht nicht, behauptete Demokrit, und da Zeit nicht entstünde und alles nur in der Zeit sei, entstünde schlechthin nichts.

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Jan Kuhlbrodt ist Philosoph, Autor, Lyriker. Er arbeitet, lebt und lehrt in Leipzig.

Frontlinien

Die Formel 1 ist für den motorisierten Rennsport die so genannte Königsdisziplin und steht im Mittelpunkt einer großen kommerziellen Öffentlichkeit. Technik, Geschwindigkeit, Taktik und die Fähigkeiten der Fahrer verschmelzen zu einem komplexen und attraktiven Gesamtbild. Wie bei allen Sportarten hat sich die gesellschaftliche Bedeutung auch dieser Disziplin und ihrer Akteure im 20. Jahrhundert auf jeder Ebene gesteigert. Das kommerzielle Volumen ist stetig angeschwollen und stellt heute eine zentrale wirtschaftliche Größe dar. Die ohnehin schon extremen Bedingungen sind immer weiter pervertiert und die Akteure immer mehr zu Trägern von gesellschaftlichen Ideen mutiert. Die entgrenzten Leistungsprämissen der Gesellschaft finden sich auch in der Formel 1. Auf den ersten Blick scheinen die Bedingungen für diesen Sport mehr als simpel: auf einer vorgegebenen Rennstrecke, deren Länge zwischen 4 bis 7 Kilometer variiert, treten unterschiedliche Teams mit ihren Rennwagen (Boliden) gegeneinander an und versuchen, das Rennen durch technische Höchstleistung mit maximaler Geschwindigkeit zu gewinnen. Diese scheinbar einfache und unsinnige Konstellation ruft häufig Unverständnis und Ablehnung hervor. Der motorisierte Rennsport wird von seinen Kritikern zu Recht als eine von Männern dominierte, technikabhängige, sinnlose und obendrein lebensgefährliche Veranstaltung stigmatisiert. Gleichzeitig gibt es aber, wie bei allen Extremvarianten menschlicher Betätigung, eine vom motorisierten Rennsport und speziell von der Formel 1 besessene Fangemeinde, die jede Fernsehübertragung dieses Spektakels verfolgt und zu den weltweit verteilten Rennstrecken pilgert.

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