Anna Vovan

»Wenn ich ein Wort gebrauche«, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, »dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.« »Es fragt sich nur«, sagte Alice, »ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.« »Es fragt sich nur«, sagte Goggelmoggel, »wer der Stärkere ist, weiter nichts.«*

SPRACHE ALS DING

Sprache ist eine Konstruktion und ein Werkzeug der Kommunikation. Sie basiert auf komplexen und komplizierten Regelwerken. Und obwohl sie niemals ein Ding selbst darstellt, sondern ausschließlich als Verweis auf etwas existiert, behauptet Sprache sich als alles beschreibende Macht. Wer besitzt die Deutungshoheit über die Worte? Der Mensch wortet die Welt und bedeckt die Vielzahl an Phänomenen, Dingen und Figuren mit Beschreibungen und Begriffen. Das Geheimnis der Sprache liegt in ihrer Doppeldeutigkeit: Sie ist gleichermaßen ein System von unterscheidbaren Lauten und eine systematische Anordnung von Zeichen. Die Laute transportieren den Inhalt. Die Verwendung von wohlgeformten Sätzen und einer verbindlichen Grammatik ist möglicherweise eine anthropologische Eigenheit. Nur der Mensch bringt Sprache und Geist so vollendet zum Ausdruck. Anders als die Tiere, können Menschen immer auf etwas verweisen, das außerhalb ihrer selbst liegt. Aber wie entsteht Sprache? Ist sie ein Organismus, der wächst, sich entwickelt und verändert, um schließlich zu altern und zu ver- schwinden? Oder ist die Sprache ein geschlossenes und bereits bestehendes System, das gemäß der Regeln der Grammatik, Syntax und Semantik erlernt werden muss? Ein Gebilde, das in einen vordringt, ein Raum, in den man geworfen wird und in dem man erbarmungslos den Diktaten von Laut und Bedeutung, Sinn und Struktur folgen muss? Oder ist Sprache ein Virus aus dem Weltall, wie es William S. Burroughs einst behauptete? Was passiert, wenn wir die Sprache nicht richtig lernen, wenn wir uns ihrer Konventionen und Systematik verweigern oder unsere Sprache verlieren? Dann fallen wir heraus aus dem Schema von Senden und Empfangen, von Verstehen, Erklären, Interpretieren und Bewerten. Dann stellt sich die Frage, wer der Stärkere ist, was gesprochen werden darf und welche Bedeutung damit konstituiert wird.


»Letter« (2015) heißt eine Arbeit von Anna Vovan. Schon der Titel ist doppeldeutig, denn das Wort Letter steht im Englischen sowohl für den einzelnen Buchstaben als auch für den Brief. Die Arbeit besteht aus 135 A4-Blättern, auf denen aber weder Buchstaben noch Worte zu erkennen sind. Schwarze Formen, die abstrakt und amorph erscheinen, sind auf hochfor- matigen Blättern im oberen Drittel platziert. Die Formen erinnern mal an fette schwarze Wülste, dann an die Umrisse einer Sprechblase oder die äußeren Linien eines Graffitis. Die Formen lassen aber auch einen Vergleich mit Schwärzungen zu, die in zensierten Texten oder Textteilen zu finden sind. Die Anordnung als Tableau gibt der Präsentation eine syste- matische Strenge und Ordnung, die wie die Logik einer alphabetischen Typenleiter aussieht.


Alle Versuche in der Arbeit ein Schriftbild oder einen lesbaren Text zu erkennen scheitern. »Letter« bietet weder Worte noch Sätze, auch keine lautmalerischen Zeichen oder irgendeine andere Form von systematischer Semiotik an. Die schwarzen Formen sind wie blinde Flecken in der Logik des Sprechens und Schreibens. Dennoch basieren sie explizit auf Schrift und tragen in sich den gesamten Inhalt eines Briefes. Denn die Worte der handschriftlichen Aufzeichnung ihres Großvaters hat Anna Vovan so weit vergrößert, dass Strukturen und Relationen des Schriftbildes so monströs werden, dass sie letztlich unleserlich sind. Was wurde gesagt und mit welcher Intention? Wer ist der Adressat? Was geschieht, wenn ich einen Brief lese, der nicht an mich gerichtet war? Welche Gefühle und Schlüsse ziehe ich aus dem Geschriebenen? An welchem Punkt in der Zeit befinde ich mich? Projiziere ich in die Zukunft, beziehe ich mich auf die Gegenwart oder versuche ich mich an einer historischen Rekonstruktion? Beim Betrachten von Vovans Arbeit erfahren wir darüber nichts, sondern sind ausgeschlossen aus dem System einer wie auch immer gearteten Mitteilung. Aus der Schrift wird hier ein abstraktes Bild, aus einer Erzählung werden visuelle Segmente.
     
»Letter« bringt auf dieser Ebene ein tiefes Misstrauen gegenüber der Sprache zum Ausdruck. Vielleicht war der Brief ohnehin unleserlich oder ungenügend im Sinne einer adäquaten Aussage? Vielleicht war der Inhalt aber auch so berührend und verstörend, dass gerade deshalb sein Inhalt verzerrt bzw. visuell interpretiert werden musste? Sprache und Schrift werden in Anna Vovans Arbeit mit ihren eigenen Mittel konterkariert. Denn der Ausgangspunkt ist die Schrift selbst. Sie übermalt und zensiert nicht im Sinne einer Schwärzung, vielmehr erscheint die Visualisierung wie ein Vordringen in den Inhalt und den Prozess der Wortfindung. Ein Vorstoß in die physische Existenz von Sinn und Bedeutung. Die Sprache wird in Anna Vovans Arbeit zu einem undefinierbaren Ding.


In »V. Woolf (28.03.1941)« von 2015 zeigen sich die Grenzen der Sprache, aber auch die Hilflosigkeit und die Verzweiflung, die mit einem Verlust der sprachlichen Ausdrucksmöglich- keiten einhergehen. Virginia Woolfs Abschiedsbrief, den sie kurz vor ihrem Suizid an ihren Mann schrieb, ist ein berührendes Dokument der Angst, der Einsamkeit, der Krankheit und der Erkenntnis, nichts mehr sagen zu können. Anna Vovan reduziert die ohnehin schon knappen Aussagen auf die Personalpronomen. Dazwischen liegt scheinbar die Welt, die aber nur dann Sinn macht, wenn sie in einer Beziehung gespiegelt wird. Ganz gleich ob es sich um reale Erfahrungen, um Sinnlichkeit, um Liebe oder Formen der Imagination handelt (tatsächlich sind die Grenzen fließend), bedeutet die durch Depression und Wahn verursachte Sprachlosigkeit einen existenziellen Verlust der Verbindung zum geliebten Menschen und zur Welt.

Dieser Zusammenhang findet sich auch in den Filmbildern mit den Titeln wie »It we« oder »I you me« oder »I her« (2015). Hier aber nicht in einem authentischen Bekenntnis, wie dem der Dichterin Virginia Woolf, sondern vielmehr in dem nie abreißenden Strom an Bildern, Worten und Geschichten, wie sie die Filmindustrie unaufhörlich produziert. Anna Vovan gene- riert aus Filmsequenzen einzelne Bilder und legt diese in einem Sandwichverfahren überein- ander. Es sind aber nicht die Bilder, die ihre Auswahl leiten, sondern eingeblendete Untertitel, die synchron zum gesprochenen Text, Worte und Handlungen lesbar werden lassen. Vovans Interesse gilt auch hier ausschließlich den Personalpronomen. Jeder Satz und jeder Dialog wird mit diesem Vorgehen reduziert auf einen Aspekt von Beziehung, Kontaktnahme, Ansprache oder Zuschreibung. Wie viele Filme gibt es zum Thema Ich und Du? Gibt es überhaupt andere Themen? Und worum geht es? Um Liebe, Hass, Eifersucht, Angst, Sex, Macht, Lüge, Verrat, Glück, Unterwerfung? Die Geschichte wird dem Film entzogen. Übrig bleibt eine existenzielle Reduktion auf verbale menschliche Interaktion. Aber in der Endlichkeit der Themen und Worte liegt eine Unendlichkeit der Bedeutung und Kombinatorik begründet. Selbst dann, wenn immer das Gleiche gesagt wird.

Die Abwesenheit von Worten ist in der Arbeit »Letter (slid under a door)« (2015) zu sehen. Aber stimmt das? Kann man Abwesenheit überhaupt sehen? Und geht es in »Letter (slid under a door)« nicht vielmehr um das Hören. Hören kann man bekanntlich nicht sehen, aber jenseits der Sichtbarkeit sind Worte, Töne, Geräusche immer wahrnehmbar. Im Gegensatz zum Auge lässt sich das Ohr nicht schließen. Oftmals ist man gezwungen Dinge zu hören, die man nicht hören möchte. Aber man kann genauso gut seinen Hörsinn auch darauf ausrichten, etwas zu hören, was man nicht hören soll. Sprechen und Gehört- werden sind fundamental verkoppelt. Worte, die keinen Adressaten oder Zuhörer finden, führen früher oder später in die Isolation oder sogar in den Wahnsinn. Anna Vovans Arbeit »Letter (slid under a door)« zeigt unter einer Hälfte der Tür hindurch geschobene Fotopapiere, die im Raum und mit dem vorhandenen Licht belichtet wurden. Der Spalt ist der Riss im Gefüge der Kommunikation: Barriere und Öffnung zugleich. Eine Möglichkeit trotz der Grenzen miteinander zu sprechen. Eine unter der Tür hindurch geschobene Nachricht kann auch ein Brief sein, eine Bitte, ein Hilferuf, ein Komplott, ein Wort gegen die Isolation, eine Möglichkeit, die Monade der Subjek- tivität zu überbrücken. In »Letter (slid under a door)« geht es vielleicht um erzwungene Stille oder um zugeschlagene Türen? Um ein Zuviel und ein Zuwenig an Worten? Die Abstraktion des Bildes stellt in »Letter (slid under a door)« die Worte in Frage, nicht aber den Akt der Kommunikation.

* Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln, S.88, Insel Verlag, Frankfurt/Main, 1974

Maik Schlüter, 2015

english

“When I use a word,” Humpty Dumpty said in a rather scornful tone, “it means just what I choose it to mean – neither more nor less.” “the question is,” said Alice, “whether you can make words mean so many different things.” “The question is,” said Humpty Dumpty, “which is to be master – that‘s all.”*


Language as an entity

Language is a construct and a tool of communication, based on a complex and complicated set of rules. And while it never represents an entity itself, but solely implicates something, language claims a descriptive power over everything. Who possesses interpretational sovereignty over words? Mankind is “wording” the world and assigns descriptions and terminology to its multitude of phenomena, entities, and parts. The secret to language is its ambiguity: it is a system of distinguishable phonemes as well as a systematic array of characters. The use of chiseled sentences and binding grammatical rules may be an anthropological idiosyncrasy. Only man is able to marry language and mind so perfectly. Unlike animals, man can always refer to something beyond himself. But how does language develop? Is it an organism that grows, evolves and changes to eventually age and decay? Or is language a cohesive and pre- established system that has to be acquired in compliance with its grammatical, syntactical
and semantic rules? An entity taking shape within ourselves, a room one is thrown into, exposed to its relentless diktat of sound, meaning and structure? Or is language a virus from outer space, like William S. Burroughs once claimed? What happens if we do not learn a language correctly, if we deny the validity of its paradigms and systematics, or develop aphasia? We then no longer fit into the system of messaging and receiving, of encoding, explaining, interpreting and evaluating. Questions arise: Who is more powerful, what is allowed to be said and to which effect in terms of meaning.

One of the works of Anna Vovan is ambiguously entitled “Letter” (2015), which refers to both the single character and the written message. The work consists of 135 A4 sheets of paper, on which neither letters nor words are recognizable. Black abstract and amorphous shapes are placed on the upper third of the page; sometimes reminiscent of black sausage links, or the outline of a speech bubble or graffiti. But one may also compare the depicted forms to the blackening that occurs in censored texts or text fragments. The table-like array gives the presentation a systematic austerity and orderliness similar to the logics of a phonetic alphabet.
All efforts to recognize script or a legible text fail. “Letter” offers neither words nor sentences, no onomatopoeic signs or any other form of paradigmatic semiotics. The black forms behave like a blind spot in the logics of speech and writing. Yet they are explicitly based on script and contain an entire letter. Anna Vovan has enlarged the words of one of her grandfather‘s hand-written records to such a gigantic extent, that due to a lack of structural and relational coherence they become illegible. What has been said and with what intention? Who is supposed to be the recipient? What happens if one reads a letter not intended for one to read? What conclusions and feelings arise from reading the message? At what point in time is the record located? Does one project the content into the future, link it to the present or try to reconstruct something that is history already? While viewing the work of Anna Vovan we receive no answers to these questions but are excluded from the systemic parameters of a certain undefined message. Here script constitutes an abstract image and narration gets visually segmented.

On this level, “Letter” expresses a profound distrust in language. Perhaps the letter was illegible in to begin with, or insufficient in terms of a meaningful statement? On the other hand the content may have been so moving or shocking that it had to be distorted and visually interpreted? In Anna Vovan‘s work script and language are being contradicted within their own framework, with language itself as the starting point. The artist does not paint over in terms of blackening, rather the visualization manifests itself as a probe into the wording process. An advance into the physical existence of meaning. Language becomes an undefinable, elusive entity in the work of Anna Vovan.

In “V. Woolf (28.03.1941)” (2015), the boundaries of language are exposed along with the helplessness and despair caused by the loss of verbal means of expression. Virginia Woolf‘s farewell letter, written to her husband shortly before her suicide, is a touching document of fear, of loneliness, of ailment and the realization of having nothing left to say. Anna Vovan reduces the already brief statements to only personal pronouns. In-between seemingly lies a world, which is only coherent, when mirrored in a personal relationship. No matter whether real experience, sensuality, love or forms of imagination are concerned (boundaries, in fact, vary), the speechlessness caused by depression and mania results in an existential loss of the bond to a loved individual and the world.

The same relation can also be found in the movie stills titled “It we”, “I you me” or “I her” (2015). Here not by an authentic profession like the one by poet Virgina Woolf, but more so by a never-ending stream of images, words and narratives incessantly produced by the film industry. Anna Vovan generates stills from film sequences and sandwiches them. Her choice, however, is not guided by images but by the displayed subtitles, which enable a legibility of words and actions synchronous with the spoken word. Here too, Vovan‘s interest solely centers on the personal pronouns. Every sentence and every dialogue is reduced to aspects of affiliation, reception, address or attribution by this approach. How many movies are there thematically centering on “you” and “I”? Are there any other topics anyway? And what is it all about? Love, hate, jealousy, fear, sex, power, lies, deceit, luck, submission? The film is devoid of narration. An existential reduction to human verbal interaction remains. But within the finiteness of topics and words lies an infinity of meaning and combinatorics, even when the content remains the same.

The absence of words can be seen in the work “Letter (slid under a door)” (2015). But is that true? Can absence actually be seen? And isn‘t “Letter (slid under a door)” much more about hearing? It is common knowledge that sound can not be seen, but beyond visibility words, sound and noise are always perceivable. Oftentimes one is forced to hear things one does not want to hear. On the other hand one may apply his or her sense of hearing to something not supposed to be heard. Speaking and being heard are axiomatically intertwined. Words without a recipient or failing to be heard lead into isolation and madness sooner or later. Anna Vovan‘s work “Letter (slid under a door)” shows photographic paper pushed through the narrow gap between door and floor and thus randomly exposed to light on the other side.

The gap is a tear within the fabric of communication: a boundary and opening at the same time. A possibility to communicate despite the barriers. A message pushed through a door gap could also be a letter, a request, a cry for help, a conspiracy, a statement against isolation or incarceration, a chance to overcome the monad of subjectivity. Might “Letter (slid under a door)” revolve around forced silence or doors slammed shut? Does it revolve around an affluence or a lack of words? In “Letter (slid under a door)” the abstraction of the image questions words as signifiers, but not the act of communication itself.

* Lewis Carroll, Alice‘s Adventures in Wonderland and Through the looking glas, p. 186, Penguin Books, London, 1998

Maik Schlüter, 2015 (translation: Lukas Holldorf & Kathleen Krol)

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